Das «Gyri»: Ein Beizentraum zwischen Laminat und Leben
Eine Beiz wie aus dem Bilderbuch: vergilbte Terrassenstühle, eine Menütafel mit dem Logo jener Basler Brauerei, die längst in dänischer Hand ist. Daneben die Ankündigung eines Live-Musik-Abends mit einem Duo aus der Region.
Spätestens beim Eintreten weht einem das Erbe der Schweizer Beizenkultur entgegen. Die Stammtischrunde verstummt für einen Moment, um die Neuankömmlinge zu mustern. Auf dem Holztisch liegt ein Puzzle aus Stangen, Weisswein und Bierdeckeln.
Das «Gyri» ist ein Ort der Begegnung. Hier wird geklatscht, getratscht, getadelt – und auch mal Trost mit einem Bier spendiert. Gerüchte entstehen, Schultern werden geklopft, Geschichten erzählt. Alles im geschützten Rahmen einer Dorfgemeinschaft.
An den getäfelten Wänden hängen Porträts der Stammgäste. Sie lachen einem aus glänzenden Laminatbildern entgegen. In einem Rahmen prangt die Freiluftarena des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests 2013 mit ihren sieben Sägemehlringen – damals Schauplatz testosterongeladener Kämpfe, heute dekorativer Blickfang.
Dazwischen Werbung im Retrolook für allerhand Getränke. Ein handgeschriebener Zettel informiert: Der Croque Monsieur kostet nur einen Fünfliber. Schnittblumen schmücken die Tische. Licht und Gemurmel tauchen den Raum in sanfte Gemütlichkeit. Man isst gut hier – man hört es rundherum.
Das «Gyri» – benannt nach einer alten Flurbezeichnung – ist mehr als ein Beizen-Bijou. Es ist ein Versprechen. Es lebt Gastfreundschaft, Bodenständigkeit und Verlässlichkeit. Werte, die in der Schweiz zählen – kombiniert mit einer trägen Gemütlichkeit.
Und doch liegt das «Gyri» wie eine kleine Schweiz-Insel am Rand eines Städtebauprojekts aus den 1970er-Jahren: Hochhäuser, kurz geschorener Rasen, Heimat für viele Menschen mit Migrationshintergrund.
Da liegt ein Gedanke nahe: Könnte das «Gyri» ein Ort sein, wo sich Schweizer Identität und kulturelle Vielfalt mischen? Wenn beide Seiten es denn wollen … vielleicht nur ein Wunschtraum – einer von Maggi, mild abgeschmeckt.
Gwundrig geworden?
Mehr über das Quartier Gyrischachen und den Dokumentarfilm «Gyrischachen – von Sünden, Sofas und Cervelats» im Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 2.5.2016.




Kommentare
Kommentar veröffentlichen